Die Diskussion auf jeder Baustelle: „Das ist doch kein Mangel." Sie lässt sich abkürzen, wenn beide Seiten denselben Maßstab anlegen. Den gibt nicht das Auge vor, sondern der Vertrag, und wo der schweigt, der Stand der Technik.
Die Definition, kurz
Ein Mangel liegt vor, wenn die Leistung nicht die vereinbarte Beschaffenheit hat. Ist nichts vereinbart, kommt es darauf an, ob sie sich für die vertraglich vorausgesetzte oder die gewöhnliche Verwendung eignet.
Daraus folgt die Prüfreihenfolge:
- Was wurde vereinbart? Leistungsverzeichnis: Plan, Baubeschreibung, Muster.
- Wenn nichts vereinbart: Wofür soll es taugen? Eine Dusche muss dicht sein, auch wenn niemand es hingeschrieben hat.
- Sonst: Was ist üblich und zu erwarten?
Der erste Punkt schlägt die anderen. Deshalb ist das Leistungsverzeichnis nicht Bürokratie, sondern die Stelle, an der man den Maßstab selbst festlegt.
Anerkannte Regeln der Technik
Geschuldet ist grundsätzlich die Einhaltung der anerkannten Regeln der Technik, zum Zeitpunkt der Abnahme, nicht zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses. Ändert sich der Stand während der Bauzeit, kann das relevant werden.
Zwei verbreitete Irrtümer dazu:
„DIN-Norm eingehalten, also kein Mangel." Normen sind ein Anhaltspunkt, keine Garantie. Sie können hinter dem tatsächlichen Stand der Technik zurückbleiben. Umgekehrt ist eine Abweichung von der Norm nicht automatisch ein Mangel, wenn das Werk trotzdem funktioniert.
„Das machen alle so." Eine verbreitete Ausführung ist nicht automatisch anerkannt. Verbreitete Fehler bleiben Fehler.
Mangel, Restleistung, Geschmacksfrage
Drei Dinge, die im Gespräch dauernd durcheinandergehen:
| Was es ist | Wie man damit umgeht | |
|---|---|---|
| Mangel | Ausgeführt, aber nicht wie geschuldet | Anzeigen, Frist setzen |
| Restleistung | Noch gar nicht ausgeführt | Zur Fertigstellung auffordern |
| Geschmacksfrage | Geschuldet erbracht, gefällt nicht | Änderungswunsch, kostet extra |
Die Unterscheidung ist nicht akademisch. Eine Restleistung berechtigt nicht zu Mängelansprüchen, sondern zur Fertigstellung, und ein Änderungswunsch, der als Mangel angezeigt wird, kostet Glaubwürdigkeit für die echten Punkte auf derselben Liste.
Optische Mängel
Sie sind der häufigste Streit und selten eindeutig. Anhaltspunkte aus der Praxis:
- Betrachtungsabstand und Licht zählen. Was bei Streiflicht aus 20 cm sichtbar wird, ist nicht automatisch ein Mangel; was im normalen Gebrauch bei üblichem Licht auffällt, meistens schon.
- Wo es sitzt, zählt. Dieselbe Unebenheit ist im Wohnzimmer relevanter als im Technikraum.
- Was bestellt wurde, zählt. Wer eine höhere Oberflächengüte beauftragt hat, bekommt einen anderen Maßstab.
Für den Bauleiter heißt das: Optische Punkte gehören auf die Liste, aber mit dem Zusatz, was der Maßstab ist, „Oberflächenqualität nach Vereinbarung Q3, festgestellt Q2" ist überprüfbar, „sieht unsauber aus" nicht.
Beschreiben, nicht bewerten
Der praktische Teil, und der mit dem größten Effekt: Im Mangel steht der Zustand, nicht die Bewertung und nicht die Lösung.
| Statt | Besser |
|---|---|
| Pfusch an der Fuge | Silikonfuge Wanne/Wand auf 40 cm gerissen |
| Estrich zu schlecht | Estrich weist im Flur einen durchgehenden Riss von 1,2 m auf |
| Steckdose falsch | Steckdose 8 cm tiefer als im Plan vom 12.06., Putz beschädigt |
Die rechte Spalte lässt sich prüfen. Die linke lässt sich nur bestreiten, und wer bewertet statt beschreibt, verschiebt die Diskussion von der Sache auf den Ton.
Wer beweisen muss
Die Weiche steht bei der Abnahme:
- Vorher muss der Auftragnehmer zeigen, dass seine Leistung in Ordnung ist.
- Danach musst du zeigen, dass sie es nicht ist.
Deshalb gehört die Abnahme sorgfältig vorbereitet, und deshalb lohnt das Fotografieren vor dem Verschließen.
Dieser Text beschreibt die übliche Praxis und ersetzt keine Rechtsberatung. Ob im Einzelfall ein Mangel vorliegt, entscheidet der Vertrag und gegebenenfalls ein Sachverständiger.